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Beurteilungskompass
methode· ca. 10 Min.· formativ, summativ

Typische Beurteilungsfehler vermeiden

Passt zu: Analysieren und bewerten

Verzerrungen nach Name oder Herkunft sind belegt (Bonefeld und Dickhäuser 2018), doch Lehrpersonen urteilen nicht pauschal verzerrt: Kaiser, Südkamp und Möller (2017) zeichnen ein differenzierteres Bild. Am klarsten belegt als Gegenmassnahme sind objektive Kriterien, nicht die Anonymisierung.

Was

Auch mit gutem Willen unterlaufen Beurteilungsfehler – systematische Verzerrungen, die nicht mit der eigentlichen Leistung zu tun haben. Sie zu kennen ist der erste Schritt, sie zu vermeiden.

Wann einsetzen

Als Selbstcheck vor und nach jeder summativen Bewertung, besonders bei mündlichen oder beobachteten Leistungen.

So geht's

  1. Prüfe den Reihenfolgeeffekt: Wird eine mittelmässige Arbeit nach einer sehr guten strenger beurteilt als nach einer schwachen?
  2. Prüfe den Halo-Effekt: Beeinflusst der Gesamteindruck einer Person (z. B. generell «gute Schülerin») die Einschätzung einer einzelnen Kriterien-Ausprägung?
  3. Prüfe die Erwartungshaltung: Fliesst das bekannte bisherige Leistungsniveau in die aktuelle Einschätzung ein, statt nur die vorliegende Leistung zu betrachten?
  4. Nutze wo möglich anonymisierte Korrektur oder eine zeitversetzte zweite Durchsicht bei unsicheren Fällen.
  5. Hole bei Zweifeln eine zweite Einschätzung einer Kollegin oder eines Kollegen ein.

Beispiel

Bei der Korrektur von Aufsätzen liest die Lehrperson die Klasse in zufälliger statt alphabetischer Reihenfolge und legt zuerst anhand einer eigenen Musterlösung fest, woran die mittlere Qualitätsstufe erkennbar ist – bevor die erste Arbeit gelesen wird.

Stolpersteine

  • Beurteilungsfehler lassen sich nie ganz ausschliessen – das Ziel ist, sie bewusst zu reduzieren, nicht perfekte Objektivität zu erwarten.
  • Zeitdruck begünstigt fast alle bekannten Verzerrungen zusätzlich.
  • Ein Kriterienraster schützt nicht automatisch vor Beurteilungsfehlern, wenn es zu vage formuliert ist.

Verzerrungen nach Herkunft, Name, Geschlecht und Sprache

Neben den allgemeinen Beurteilungsfehlern gibt es Verzerrungen, die an Merkmale der Lernenden gebunden sind. Bonefeld und Dickhäuser (2018) legten angehenden Lehrpersonen ein identisches Diktat vor: Deutete der Name auf einen Migrationshintergrund hin, fiel die Note schlechter aus, besonders bei schwachen Leistungen. Bemerkenswert ist, dass der Effekt beim objektiveren Zählen der Fehler nicht auftrat, sondern erst bei der Notenvergabe. Sprietsma (2013) fand ähnliche Namenseffekte bei Noten und Übertrittsempfehlungen.

Was am besten hilft

Die Gegenmassnahmen sind unterschiedlich gut belegt. Halte dich an diese Reihenfolge:

  1. Objektive Kriterien und Rubrics sind am klarsten belegt. Lege vor der Bewertung fest, woran jede Qualitätsstufe erkennbar ist, und bewerte kriteriengeleitet statt nach Gesamteindruck.
  2. Gemeinsame Massstabsbildung im Team und eine zweite Einschätzung bei unsicheren Fällen.
  3. Anonymisierte Korrektur kann helfen, ihre Wirkung ist in der Forschung aber uneinheitlich. Sie ist deshalb eine sinnvolle Ergänzung, keine gesicherte Einzellösung.

Selbstcheck vor der Bewertung

Kurz durchgehen, nichts wird erfasst oder gespeichert:

  • Habe ich vor der ersten Arbeit eine Musterlösung oder klare Kriterien festgelegt?
  • Korrigiere ich anonymisiert oder wenigstens in zufälliger Reihenfolge?
  • Bewerte ich die vorliegende Leistung, unabhängig vom bisherigen Bild der Person?
  • Trenne ich die Fachsache von sprachlicher Form und Arbeitstempo, wo das nicht das Prüfungsziel ist?
  • Hole ich bei Zweifelsfällen eine zweite Meinung ein?

Belege

Fachliche Grundlage: Hanni Lötscher, Markus Roos, «Kapitel 7.7», in Lötscher, Naas, Roos (Hrsg.), Kompetenzorientiert beurteilen, hep 2023 — eigenständig bearbeitet und neu formuliert. Quelle & Lizenz (CC BY 4.0).