Konferenzbaustein · 45 Minuten
Gemeinsames Beurteilungsverständnis
Wo stehen wir als Team – und wohin wollen wir?
Ziel
Das Kollegium verständigt sich über ein gemeinsames Bild von guter, kompetenzorientierter Beurteilung und benennt ein bis zwei Entwicklungsfelder.
Input für die Moderation
Ausformuliert zum direkten Vortragen – du brauchst keine Vorbereitung.
Worum es geht
Ein gemeinsames Beurteilungsverständnis heisst nicht, dass alle gleich prüfen – sondern dass wir dieselben Grundsätze teilen und ähnliche Leistungen ähnlich einschätzen. Ohne diese Verständigung bedeutet dieselbe Note in zwei Klassen schnell etwas Verschiedenes.
Kompetenz ist mehr als Wissen
Der Lehrplan 21 versteht Kompetenzen als erweiterte Lernziele: Wissen und Können verbunden mit der Bereitschaft, in einer konkreten Situation zu handeln. Kompetenzorientierte Beurteilung fragt deshalb nicht «Was weiss jemand?», sondern «Was kann jemand in einer Anwendungssituation damit tun?».
Leistung ist nicht gleich Potenzial
Zwischen gezeigter Leistung (Performanz) und tatsächlichem Können liegt oft eine Lücke – jemand traut sich nicht, die Aufgabe spricht nicht an, der Moment sitzt nicht. Eine faire Beurteilung stützt sich auf mehrere Situationen statt auf eine einzelne Momentaufnahme.
Reichhaltige Aufgaben zeigen mehr
Wissen lässt sich leicht abfragen, Können zeigt sich erst in der Anwendung, Bereitschaft ist am schwersten sichtbar. Aufgaben, die Handeln, Begründen und Reflektieren verlangen, machen mehrere Dimensionen gleichzeitig sichtbar – auch wenn sie aufwendiger zu organisieren sind.
Warum als Team
Vergleichbarkeit und Fairness über Klassen hinweg entstehen nur, wenn ein Kollegium ein geteiltes Bild von guter Beurteilung hat. Ein bis zwei bewusst gewählte Entwicklungsfelder bringen mehr als ein grosses Konzept, das niemand umsetzt.
Ablauf
- 5′
Ankommen und Ziel
Kurz das Ziel der Sitzung benennen: kein fertiges Konzept, sondern eine gemeinsame Standortbestimmung. Als Rahmen können die Input-Blöcke unten (Abschnitt «Input für die Moderation») dienen.
- 10′
Einzelreflexion
Jede Lehrperson notiert für sich: Was gelingt mir bei der Beurteilung gut? Wo bin ich unsicher? (Optional: vorab den Kompass-Check ausfüllen lassen.)
- 20′
Austausch in Gruppen
In Gruppen von drei bis vier Personen die Notizen teilen und Gemeinsamkeiten sowie offene Fragen auf Karten sammeln.
- 10′
Sammeln und Priorisieren
Karten im Plenum clustern, ein bis zwei Entwicklungsfelder für die weitere Arbeit festlegen.
Moderationsleitfaden
- Halte die Runde wertungsfrei – es geht um eine Bestandsaufnahme, nicht um Bewertung der Kolleginnen und Kollegen.
- Sorge dafür, dass auch leise Stimmen zu Wort kommen (z. B. zuerst schriftlich sammeln).
- Notiere die Entwicklungsfelder sichtbar und verbindlich für die nächste Sitzung.
Fallbeispiele
Für die Fallarbeit in diesem Baustein. Die Auflösung ist für dich als moderierende Person gedacht – auf dem Arbeitsblatt für die Teilnehmenden erscheint sie nicht.
Fall 1. Zwei Lehrpersonen bewerten denselben Schülervortrag sehr unterschiedlich – die eine achtet vor allem auf den Inhalt, die andere auf das sichere Auftreten.
Woran liegt der Unterschied, und was würde helfen?
Auflösung: Beide beurteilen implizit andere Kriterien. Ein geteiltes, vorab benanntes Kriterienset (Sachnorm) macht die Einschätzung vergleichbar – das ist Kern eines gemeinsamen Verständnisses.
Fall 2. Eine Schülerin erklärt den Stoff im Gespräch sicher, in der schriftlichen Prüfung bricht sie ein.
Was sagt das über ihre Kompetenz – und über unsere Prüfung?
Auflösung: Die schriftliche Prüfung zeigt hier eher Performanz unter Druck als Potenzial. Mehrere Zugänge (mündlich, handelnd, schriftlich) ergeben ein faireres Bild.
Fall 3. In einem Team wird fast nur auswendig abrufbares Wissen geprüft, weil sich das am einfachsten und objektivsten benoten lässt.
Was geht dabei verloren?
Auflösung: Leicht messbar ist nicht dasselbe wie gültig (valide). Wer nur Wissen prüft, erfasst die Kompetenz nicht – Anwendung und Begründung bleiben unsichtbar.
Fall 4. «Fair» heisst für die eine Lehrperson: alle bekommen exakt dieselbe Aufgabe unter denselben Bedingungen. Für die andere: die Aufgabe wird an die Voraussetzungen angepasst.
Wer hat recht?
Auflösung: Beide meinen etwas Richtiges, aber Verschiedenes (Gleichbehandlung vs. individuelle Passung). Fairness braucht ein geklärtes, gemeinsames Verständnis – genau darum geht es in diesem Baustein.
Diskussionskarten
Woran erkennen wir bei uns, dass eine Beurteilung «fair» war?
Wo klaffen Theorie (was wir für richtig halten) und Alltag am stärksten auseinander?
Welche Beurteilungspraxis würden wir gern von einer Kollegin übernehmen?
Was müsste passieren, damit sich unsere Beurteilungskultur in einem Jahr spürbar verändert hat?
Ergebnisformular
Unsere zwei wichtigsten Entwicklungsfelder
Was wir bereits gut machen
Nächster Schritt und wer ihn verantwortet